Sep
22

2013

Änert em Teich


„Oooooh… this might be important!” meint der Park Ranger im Henry W Coe State Park, als wir zugeben dass wir keine Ahnung haben, wie „Poison Oak“ aussieht und was passiert wenn man es berührt.  Wir verstehen auch nicht ganz warum er so ein grosses “Tamtam” macht und die ganze Gegend nach dem Zeug absucht um es uns zu zeigen. Viel lieber wollen wir endlich fahren, denn immerhin ist es das erste Mal seit langer Zeit, das wir ein richtiges Bike und einen süssen Single Track unter dem Hintern haben…

Nach der Neuseeland-Tour hatten wir nämlich einen kurzen Zwischenstopp in der Schweiz eingelegt und die Trourenräder gegen unsere gelieben Bikes ausgetauscht. Mit ihnen wollen wir nun während zwei Monaten die Amerikanischen Trails unsicher machen und dann im Norden der USA eine 3-monatige Fotoschule besuchen.

Als wir an diesem Abend nach Poison Oak-Bildern googeln begreifen wir dann aber doch noch, dass dieses harmlos ausschauende Grünzeug zu den für den Menschen gefährlichsten Pflanzen Nordamerikas gehört und uns mittels übelster Ausschläge locker ein paar Wochen Ferien verderben könnte. Das nächste Bike-Türchen fällt dann etwas weniger entspannt aus, denn es gibt hier eine Tonne Grünzeug und der Trail ist viel zu schnell um jedes Blättchen zu identifizieren. Im gleichen Park treffen wir auch noch eine leicht verfahrene Situation an: Mitten auf dem Trail sitzt eine dicke Klapperschlange, was auch das lautstarke Geräusch erklärt. Auf der einen Seite von ihr steht eine Wanderin und auf der anderen Seite ihre zwei Freundinnen. Alle drei Parteien sind etwa gleich verängstigt und ebenso fest entschlossen nicht von der Stelle zu weichen. Gut, dass Mediator Reto die Schlange überzeugen kann einen Meter neben dem Pfad weiter zu klappern und den Frauen Mut macht auf der anderen Seite vorbei zu gehen.

Ein kleines bisschen erleichtert sind wir schon, als wir die Bikes wieder ins blaue Mietauto packen und sich auch nach 48 Stunden noch kein Poison Oak-Ausschlag bildet. Ungeahnt steuern wir aber direkt auf die nächste Challenge zu: Auf unseren ganzen Reise hatten wir noch kaum einmal soviel Mühe ein Campingplätzchen zu finden und der verkehrsverstopfte Autobahnsalat rund um San Francisco gibt uns den Rest. Völlig entnervt steuern wir schliesslich ein Motel an und wünschen uns sehnlichst in die Mongolei zurück. Das kann ja noch heiter werden…

Endlich verlassen wir nun die Überbevölkerte Küstenregion und steuern über die verschneite Sierra Nevada zum Mono Lake. Hier gibt es zwar eine Menge Campings, aber die sind alle noch geschlossen. Scheinbar ist hier noch tiefer Winter und niemand kümmert sich so richtig um den Mono Lake – zum Glück auch nicht um die paar Reisenden, die an dessen Ufer stinkfrech ihr Zelt aufschlagen und einen magischen Sonnenunter- und Aufgang erleben. Das karge Hochland hier ist wunderschön und die Kalk- und Sandtürme, die sich am See bilden, sehen mystisch aus.

Das Death Valley ist unsere nächste Station. Erfolgreich sichern wir uns diesmal einen Spot auf dem offiziellen Camping. Nur ist heute leider Sandsturm angesagt und man sieht kaum die Hand vor den Augen. Ehrlich gesagt, wagen wir nicht mal die Autotür zu öffnen. No way, hier ein Zelt aufzustellen… Darn it! Die Nachricht, dass der Sturm noch ein paar Tage anhalten wird, macht uns nicht viel Freude und dass wir bis zum nächsten bezahlbaren Motel 50 km durch die Nacht fahren müssen auch nicht. Als sich nach ein paar Kilometern dann die Sandwolke lichtet und der Wind etwas nachlässt, halten wir deshalb an und stellen unser Zelt kurzerhand illegal direkt an den Strassenrand. Dies entpuppt sich allerdings als schlechte Idee, denn der Wind hat scheinbar nur kurz Atem geholt um uns eine halbe Stunde später so richtig wegzublasen. Wir haben grösste Mühe unsere Schlafsäcke und das wütig flatternde Zelt ins Auto zu kriegen… und fahren wieder mal entnervt vor einem modrigen Motel vor. Wenigstens werden wir die nächsten beiden Tage mit angenehmem Wetter und fotogenen Landschaften belohnt.

Las Vegas lassen wir kurzerhand links liegen und fahren direkt zum nördlich gelegenen Valley Of Fire. Sogar einen Tag länger als geplant wandern wir hier mit der Kamera bewaffnet durch Gesteinsformationen in allen Farben und bei Sonnenuntergang wird jeweils klar, woher der Name kommt – denn dann leuchten viele der Felsen glutrot auf.

Nach einer langen Autofahrt durch die Wüste wandern wir mit einem schweren Rucksack durch einen roten Canyon hinunter nach Supai Village und den wunderschönen Havasu Fällen. Die vielen Pferdekarawanen, die uns hier entgegenkommen, erinnern uns an Nepal. Ebenso die Tatsache, dass ein völlig funktionsfähiges Dorf so weit ab von jeglicher Strasse liegt. Dies ist wohl nur möglich, da wir uns in einem Indianerreservat befinden. Völlig un-nepalesisch dagegen sind die Menschen, die hier wohnen. Ehrlich gesagt, erschrecken wir ein bisschen darüber, mit welch abweisender Miene und schläfrigem Blick sie uns ein höllisches „Eintrittsgeld“ abkassieren. Übergewicht scheint hier ein riesiges Problem zu sein und ich habe noch selten so unmotivierte und unglücklich drein schauende Menschen gesehen. Es ist nur traurig, was aus diesem einst so stolzen Volk geworden ist.

Glücklich macht es mich hingegen im kühlen Wasser der Havasu-Fälle zu baden. So viele Naturschönheiten kommen hier zusammen: das klare, türkis blaue Wasser, der tiefe Canyon (ein Seitenarm des Grand Canyon), die roten Tropfsteine und die Kalkterrassen, die das alles zum Wellness-bereich der Superlative machen. Wow! Wir campieren eine Nacht und klettern an einigen nicht besonders vertrauenswürdigen Seilen und Ketten zu weiteren Wasserfällen hinunter. Erst viel zu spät können wir uns von diesem magischen Ort losreissen, was uns wiederum einen laaaaangen und heissen Aufstieg unter der unerbittlich brennenden Sonne beschert.

Positiv beeindruckt sind wir dafür von der Offenheit der Amerikaner, die wir auf den Campingplätzen und Bike Trails treffen. Es ist ganz natürlich dass man sich gegenseitig zu einem Bier einlädt, das Lagerfeuer teilt und Reisetipps austauscht. Extra viel Spass haben wir auch mit ein paar Kanadiern auf dem Highline Trail in Sedona, denen es weder an Bike-Skills noch an coolen Sprüchen fehlt. Einen besonders spektakulären Abflug managed Reto am nächsten Tag auf dem gleichen Trail: In hohem Bogen segelt er eine super-steile Slick Rock-Passage hinunter um genau vor den Füssen einiger zu Tode erschrockener Wanderer zu landen… zum Glück bleiben wenigstens alle Knochen ganz.

Schlag auf Schlag geht’s weiter.Wir fotografieren den Sonnenuntergang im Monument Valley, werden mit dem Touristenstrom durch die Antelope Canyons geschwemmt, schauen auf dem Bauch liegend hinunter in die „Horseshoe Bend“ und kraxeln hinauf zu einem Felsvorsprung, hoch über dem Zion National Park. Der Blick in den Bryce Canyon ist wohl der eindrücklichste von allen, doch auch der der Single Trail, der sich durch die Hoodoos des Red Canyon schlängelt werden wir nicht so schnell vergessen. Temperaturen, die eine Gallone Wasser über Nacht zu einem Eisblock verwandeln und eine erschreckend grosse Stichflamme, die aus unserem in die Jahre gekommenen Kocher kommt, gehören allerdings auch zum Adventure-Packet.

In Grand Junction holen wir dann Oli (Petras Bruder) vom Flughafen ab und verbringen die nächsten zehn Tage im Bike Paradies Moab. Aus der winterlichen Schweiz kommend hat er natürlich einen kleinen Trainingsrückstand zu bewältigen. Als wir ihm die Beschriebe der ersten Routen vorlesen wird er zuerst ein bisschen bleich im Gesicht (unsere zweite Tour hat das Technik-Rating 11 auf der Skala von 1 bis 10 und es steht was von „freaking superman“ falls man von der Stadt aus radelt). Gesagt getan und Oli wurde erst mal ziemlich grün und blau an sämtlichen Gliedmassen. Doch zum Schluss klebt er wie eine Klette an Reto’s Hinterrad und lässt mich alt aussehen indem er über meter-hohe Absätze springt… Das ist doch mal eine Lernkurve!


Size matters!

Auch das Grillieren von gigantischen Spare Rips und Marshmallows trainieren wir bis zur Perfektion, während dem wir in einem kleinen, gemütlichen Canyon ausserhalb von Moab campen. Natürlich immer in froher Gesellschaft der tausend Raupen, die nonstop vom Baum fallen unter dem unsere Zelte stehen. Die Dinger sind einfach überall: In der Bike-Hose, im T-Shirt, in der Kühltruhe, im Kochtopf und zum Schluss verpuppen sie sich auch noch im Zelt… wäääääääh!

Ach ja, und dann ist da auch noch die Nacht zu erwähnen in der Reto ins Dorf fährt um in die Schweiz zu telefonieren, während Oli und ich bereits am Schlafen sind. Zumindest bis zu diesem Geräusch, das so tönt als ob gerade ein Schnellzug durch den Canyon fährt. Es ist jedoch kein Schnellzug, sondern eine Windhose und das nächste was ich weiss, ist dass meine Matte von den Füssen her angehoben wird. Danach ist alles schwarz und überall Chaos. Ich bin unten, die Schlafsäcke und Mätteli oben. Meine Stirnlampe ist irgendwo, der Wind reisst immer noch kräftig am nun relativ flachen Zelt und die Zelt-Reissverschlüsse kann ich so natürlich schon gar nicht finden. Ich bin zu Tode erschrocken und will nichts als raus hier, da ein Schnellzug wohl selten alleine kommt…  Nach einer gefühlten Ewigkeit finde ich doch noch einen Reissverschluss, überlege kurz ob es in einem Sturm eine gute Idee wäre mich an einem Baum festzuhalten um nicht weg zu fliegen, entschliesse mich dann aber doch dafür, mich oben auf unser flaches Zelt drauf zusetzen damit hoffentlich dieses nicht wegfliegt. Schliesslich gelingt es mir soviel Sand aus den Augen zu reiben, dass ich zumindest wieder ein bisschen was sehe und staune nicht schlecht: Olis billiges Gigathlon-Zelt steht immer noch – zumindest halb-patzig.

„Im Norden ist es kälter“, stellen wir fest und als wir durch den Yellowstone Nationalpark kurven und in Bozeman die Bikes durch ein paar Altschneefelder schieben, die dem ausdauernden Regen standgehalten haben. Wenigstens treffen wir dabei auf ein paar lustige lokale Biker, die uns die beste Micro Brewery zeigen und zum Bison-Essen einladen bevor wir schliesslich Oli am Flughafen einchecken und uns für unseren „Visa-Run“ nach Kanada auf den Weg machen. Ein 600 km-Umweg ist hierzulande nämlich die einfachste Variante um ein Studentenvisum zu aktivieren. 🙂

 

Liebe Grüsse von den zwei unterdessen bereits in die Schweiz zurückgekehrten Weltenbummlern, die sich nun aufs nächste Abenteuer auf fünf (Bürostuhl-)Rädern freuen,

Petra & Reto

Comments

3 Responses to “Änert em Teich”
  1. kik says:

    Jupii!!! Wieder mal Berichte von meinen Lieblings-Travellern.

  2. Mi says:

    Ebe scho. dUSA richtig Bereist und Fotografiert hed doch ihren Reiz.
    Genial wie immer.

    DANKE für die atemberaubende Fotos und de cooli Bricht.

    De mit em Bürostuehl? Tja……………..;o)

  3. helmi says:

    Hut ab,
    Alles Gute und Gruss aus Österreich

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