Mar
15

2013

NZ South Snapshots


Rundherum ist es stockdunkel. Ich sehe nichts als die Regentropfen, die als nächstes in mein Gesicht klatschen werden und ich höre nichts als das Heulen des Windes, der mich immer wieder fast vom Sattel stösst. Mal links und mal rechts komme ich von der Stasse ab, die ich eben nicht sehe, und verliere dabei beinahe auch noch der schwache Schein von Retos Stirnlampe aus den Augen, der vor mir über die Strasse schwankt.

Dabei hatten wir erst noch bei einem Pitscher Bier in einem wohlig warmen Backpackers gesessen und zugeschaut, wie dicke Regentropfen gegen eine grosse Fensterfront klatschen. So gross kann also der Unterschied zwischen “drinnen” und “draussen” sein. Wow!

Seit mehr als 24 Stunden schüttet es nun wie aus Kübeln. Als wir am Morgen aus dem Zelt krochen war der Camping bereits so ziemlich menschenleer und dafür voll von kleinen Seen. Und in einem davon badete unsere gesamte Ausrüstung. Zum Glück gab es aber einen Unterstand in dem wir unsere Sachen wieder einigermassen trocknen konnten – auch unsere geliebte Villa, die scheinbar doch schon etwas in die Jahre gekommen und nicht mehr so ganz dicht ist.

Da das Hostel schon ausgebucht war und man als Radler halt nicht ganz so leicht irgendwo weg kommt, schlafen wir auch heute zum Geräusch von sausendem Wind und prasselndem Regen ein. Umso schönner ist es dann bei strahlendem Sonnenschein wieder zu erwachen, vor allem wenn der dann so lange bleibt, bis die Kiwis vom trockensten Sommer in 40 Jahren sprechen…

Flaches Farmland seit mehr als 100 km – eine schnurgerade Strasse seit 40 km – da muss einem ja das Gesicht einschlafen. Unterdessen ist uns jede Abwechslung recht und als wir das Knallen eines Tontauben-Schiess-Vereins hören, fahren wir hin um zuzuschauen. Innerhalb von Minuten kriegen wir einen Gehörschutz auf den Kopf gesteckt und eine Flinte in die Hand gedrückt. Und als wir die “Tonhasen”, die sie für uns über den Boden hüpfen lassen, dann auch noch treffen, kriegen wir sogar noch einen grossen Applaus dazu. Dies nur als klizekleines Beispiel dafür, wie offen und unverkorkst die Kiwis sind…

In Neuseeland gibt es zwar keine gefählichen Tiere aber sooo viele “Biester”. Als ob die Possums, Sandflies, Wekas (diebische Waldhühner), Wespen und Konfrontationsenten nicht schon genug wären, gibt es auch noch den Kea – die wohl destruktivste Spezies dieser Welt. Was auf den ersten Blick wie ein süsser grüner Papagei aussieht, ist in Wirklichkeit ein gnadenloser Zerstörer. Autotür-Dichtungen, Kartenmappen, Schuhe, Wassersäcke, Velosättel und Zeltschnüre fallen seiner unermüdlichen Neugier zum Opfer, sobald man ihn auch nur eine Sekunde aus dem Auge lässt. Und während wir uns nur eine einzige Stunde am Lagerfeuer gönnen, klauen die Viecher doch tatsächlich ein Tupperware aus dem geschlossenen Vorzelt, kriegen alle vier Klappen auf und verputzen eine ganze Packung Sandwich Käslein!

“Do you have insect repellent? Use it wisely!” rät uns ein Neuseeländer als wir unsere Räder einer mässig vertrauenswürdigen Transportfirma übergeben und die Rucksäcke schultern um uns auf den Heaphy Track zu machen. Eine gewisse Blutleere liesse sich jedoch auch mit einer ganzen Lastwagenladung von Spray nicht verhindern. Doch die einsamen, winddurchtosten Strände, die wuchtigen Wellen, die gegen dunkle Felsen klatschen, die vom Wind geformten Bäume und die sanften Pastellfarben des Abendhimmels lassen uns die Sandfly-Schwärme bald vergessen.

Am zweiten Tag führt uns der Track tief in den intensiven Regenwald der Westküste hinein. Hier wachsen Moose und Lianen auf Bäumen, die wiederum auf anderen Bämen wachsen. Manchmal weiss man kaum wo ein Baum beginnt und wo er endet. Es gibt Palmen und superfette riesen Bäume, Farne in allen Grössenordnungen und Grüntönen und eine Menge pingpongballförmige Vögelchen, die definitiv noch nie etwas von “Schwerkraft” gehört haben. Am Tag drei und vier wandern wir dann über ein sumpfiges Hochplateau bevor es nach Takaka weiter geht, wo unsere treuen Stahlpferdchen gegen einen Bodyshop-gesponsorten Whale-Rescue-Anhänger gelehnt auf uns warten.

Verglichen mit den Wildwasserbooten handelt es sich beim Doppelkayak, mit dem wir heute in die See stechen, um eine richtige Titanic. Damit schafft es sogar Reto, mit dem Kopf nach oben zu paddeln. Das ist auch gut so, denn der Wellengang ist nicht zu unterschätzen und mit dem Kopf unter Wasser würden wir eine Menge goldene Strände, Seelöwenkolonien und hübsche Inselchen verpassen. Wir paddeln gegen den Wind den Abel Tasman Nationalpark hoch, geniessen eine “Abendrundfahrt” um die Tonga-Island, Kochen Gourmet-Thai-Curry in der Barkers Bay, stopfen am nächsten morgen das Zelt wieder ins Kajak rein und bauen aus dem Zelt-Unterboden ein Spinacker um damit nach Marahau zurück zu segeln – natürlich erst nachdem wir uns vegewissert haben, dass es keine Sandfly unter die Spritzdecke geschafft hat.

Liebe Grüsse aus einem Land, in dem die Schwäne schwarz sind und sich der Toilettenstrudel anders herum dreht,
Petra und Reto

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